mecker. mecker. mecker.

Der Freitag: Der Wahrheitswahrnehmer

»Clay Shirky wird „In­ter­net-Guru“ genannt. Dabei glaubt er bloß an Freiheit und fragt sich: Kann die Ge­sell­schaft mehr vom Netz haben?«

Eine kurze Rezension aus der Freitag: Der Wahr­heits­wahr­neh­mer [pdf]

Clay Shirky

Eigentlich mache ich ungerne „­Re­zen­sio­nen­“ über ir­gend­wel­che Zei­tungs­ar­ti­kel. Immerhin ist das aktuelles Zeit­ge­sche­hen und nicht von Dauer. In spä­tes­tens einem Jahr ist das völlig über­flüs­sig. Wieso ich es dennoch tue? Bei diesem Artikel konnte ich einfach nicht anders.

Der so called „In­ter­net-Guru“ Clay Shirky ist einer der Wer­be­ma­cher für Web 2.0, Facebook, Flickr und Twitter. Mit dabei im Internet ist er seit 1996 – damit kann ich schlecht kon­kur­rie­ren, bin ich doch mehr als halb so jung wie er.

In dem Artikel geht es vor­nehm­lich darum, dass die „Er­fin­dun­g“ Internet ähnliche große Wirkungen hat, wie der Buchdruck die Ge­sell­schaft damals (tm) re­vo­lu­tio­niert hatte. Nur halt so, dass das Internet die Print-Medien aussterben lässt, also den Buchdruck.

So wie die Erfindung der Dru­cker­pres­se die Ge­sell­schaft ver­än­der­te, so habe das Internet durch „die kostenlose Re­pro­duk­ti­on aller digitalen Inhalte, die ir­gend­je­mand besitzt, der einen Computer hat“, die Schranken entfernt, die der uni­ver­sa­len Mitwirkung im Weg standen

Ich weiß nicht, in welcher Fantasie-Welt dieser Mann auf­ge­wach­sen ist und noch lebt! Aber Internet ist a) nicht kostenlos, b) ist das Speichern schon recht nicht kostenlos, sondern meist kos­ten­pflich­tig in Form einer Abmahnung und c) dass alles kostenlos verfügbar ist, heißt auch noch lange nicht, dass jeder darauf Zugriff hat. Das sind wieder diese typischen Buzz-Be­haup­tun­gen… wie wird er noch einmal genannt? Achja, „In­ter­net-Guru“. Aber hey, wir nennen Politiker ja auch „­Po­li­ti­ker“.

Dort ar­gu­men­tiert er, dass die Po­pu­la­rität der sozialen Online-Medien die alte Annahme von der Über­le­gen­heit pro­fes­sio­nel­ler Inhalte und dem Primat der fi­nan­zi­el­len Motivation widerlege.

So in­di­vi­du­ell wie das Internet ist, kann ein Zustand der objektiven Versorgung von Nach­rich­ten überhaupt nicht möglich sein - schon gar nicht auf kos­ten­lo­ser Ebene. Es gibt ja nicht umsonst den Beruf „Jour­na­lis­t“ (und nein, der lebt auch nicht von Luft und Liebe). Wie soll in seiner Welt denn eine Welt ohne Jour­na­lis­mus aussehen? „@Fredi: Ich schiebe mir jetzt eine Pizza Salami in den Ofen #hunger #pizza“?

Und es habe sich gezeigt, dass der Mensch lieber kreativ ist und teilt, anstatt passiv zu kon­su­mie­ren, wovon eine pri­vi­le­gier­te Elite glaubt, er solle es sich ansehen.

Dieses Statement hat mich erst zum Schreiben dieses Blog­ein­trags bewogen. Noch einmal: welche Fan­ta­sie­welt? Widerlegen wir zunächst die Behauptung. Der Mensch konsumiert derzeit immer noch lieber passiv, von dem eine pri­vi­le­gier­te Elite glaube, er solle es sich ansehen: Fernsehen. Das Medium ist noch passiver als Zeitung es je sein könnte. So gibt es außer dem Hin- und Herzappen keine Mög­lich­keit der in­di­vi­du­el­len Entfaltung. Fernsehen hat sich schon seit langem bewährt, die Ge­sell­schaft zwar scheinbar in­tel­li­gent zu halten, aber des­in­ter­es­siert für Politik, Wirtschaft und all dieses Zeugs mit Moral, Ethik und Krieg. Deshalb wählen wir ja Menschen, denen wir diese schwere Aufgabe eher an­ver­trau­en, als uns selbst in Depression mit all diesen schreck­li­chen Themen zu bringen.

Also: wir wollen nicht passiv kon­su­mie­ren? Ich denke schon. Um unser Passiv-Konsum noch stärker zu be­frie­di­gen, können wir noch mehr sinnlose In­for­ma­ti­on über soziale Netzwerke aufnehmen. Hey, ich wollte schon immer von meinen 150 Be­kannt­schaf­ten wissen, wann sie heute auf­ge­stan­den sind und beim wievielten Kaffee sie sind. Das ist doch viiiel in­ter­es­san­ter als eine kaputte Erde, diverse Kriege und viele Hungertote. Bedeutet das Krea­ti­vität?

„Der po­ten­ti­el­le Wert all dieser bislang un­ge­nutz­ten Energie für die Ge­sell­schaft ist nicht weniger als re­vo­lu­ti­onär.“

Sagte Shirky so schön im Fazit. Wenn ich mich jetzt aber an die Ge­scheh­nis­se im Iran zu­rü­ck­ent­sin­ne, als die Be­völ­ke­rung die Ge­sell­schaft exzessiven Aufstand im Netz gemacht hat und überhaupt es kurz vor einer totalen Revolution stand… Ja, da hat man gesehen, dass Twitter und Web 2.0 null Potential hat.

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